Willy Planck (1870 - 1956) deutscher
Maler und Grafiker
Otto Emil Muschik-Droonberg wurde am 8. Februar 1864 in Bautzen geboren
und starb 1934 in Sacramento, Kalifornien. Er war ein
deutsch-kanadischer Globetrotter und Schriftsteller.
Als ich bis auf etwa ein Dutzend Schritte herangekommen war, erkannte
ich, daß es weder das eine noch das andere, sondern ein großer brauner
Bär war, der hier im Schnee lag. Er mußte, wie das ja vorkommt, seinen
Winterschlaf
unterbrochen haben, wohl in der Absicht, zunächst einmal den infolge des langen Fastens knurrenden Magen zu füllen.
Wäre die rotbraune Hautfärbung nicht gewesen, man hätte die junge
Indianerin für eine Angehörige der kaukasischen Rasse halten können,
denn ihrer Gesichtsbildung fehlte der gewöhnliche Typus der
Indianerrassen mit den breiten, wie Ecken hervorstehenden Backenknochen
und der platten Nase. Der Schnitt des Gesichtes war zierlich und
regelmäßig, und sie sah aus wie eine plötzlich zum Leben erweckte
Bronzefigur einer griechischen Schönheit, ein Eindruck, der noch durch
das keineswegs indianisch hartsträhnige, sondern weiche und wellige Haar
verstärkt wurde.
Jetzt lag freilich ein Ausdruck des Schmerzes auf diesem überraschend anziehenden Gesicht.
Ein haßerfüllter Blick vervollständigte die unausgesprochene Drohung.
Dann, ohne ein weiteres Wort zu sprechen, wandte er sich ab und schritt
langsam über den Schnee, bis er hinter einer Gebüschgruppe verschwand,
nicht aber, ohne vorher noch die Faust drohend gegen mich zu schütteln.
Eine Viertelstunde später befand ich mich auf dem Wege nach Rocanville, von wo aus ich den Zug nach Esterhazy benutzen wollte.
Obwohl es nahezu neun Uhr sein mußte, bedeckte noch tiefes,
undurchdringliches Graublau die Himmelswölbung. Im Osten, den ganzen
Horizont entlang, glänzte ein schmaler Streifen von leuchtendem Orange,
eingeschoben zwischen die nach dieser Richtung hin gerade Linie des
Horizontes und die kaum weniger gerade Abgrenzung des graublauen
Wolkendunkels, das den ganzen übrigen Himmel in gleichmäßiger
Farbentiefe bedeckte.
Auf der Schneedecke lag noch tiefer Schatten. Aber die Luft war klar,
und mit einiger Mühe konnte ich meinen Weg finden, wenn ich auch
manchmal tief in den Schnee versank.
Meine
Schneeschuhe hatte ich zurückgelassen, da in einiger Entfernung das Land
freier wurde und der Schnee dort nur an einzelnen verwehten Stellen so
hoch lag, um den Gebrauch von Schneeschuhen nötig zu machen.
Was war das?
Ich trat überrascht näher und untersuchte die in dem Erdboden
festgefrorenen Teile der Figur. Mein erster Blick, dem ich nicht hatte
trauen wollen, hatte mich nicht getäuscht – es war ein ziemlich gut
erhaltenes menschliches Skelett. Es lag so dicht an der Oberfläche, daß
es sicher war, der Tote, wer immer er sein mochte, war nicht vergraben
gewesen. Allmählich war das Skelett dann wohl in den Boden eingesunken
und mit Vegetation, die es unsichtbar machte, überwuchert gewesen. Diese
hatten aber die talwärts treibenden Schneemassen zusammen mit der
dünnen Erdschicht,
die Wind und
Regen im Laufe der Zeit darüber gelegt haben mußten, fortgeführt. Es
lag mit dem Rücken nach oben und schon dieser Umstand war ungewöhnlich
und deutete darauf hin, daß der Tote hier nicht auf natürliche Weise,
durch Krankheit vielleicht oder infolge Verschmachtung, sein Leben
verloren habe, denn dann hätte das Skelett sicher mit dem Gesicht nach
oben dagelegen.

Der Schlitten des Indianers war mir kaum aus dem Gesicht gekommen, als
ich ihm zu folgen begann. Ich mußte auf eine Wanderung von mehreren
Meilen gefaßt sein und hatte keine Neigung, später in dem Indianerdorfe
einzutreffen, als unbedingt nötig war.
Bei meinem Eintritt fand ich den Braunen Donner wieder mit seinen
Kräutern und Wurzeln beschäftigt, während seine Squaw einen Kessel
bewachte, der über dem Feuer hing. Ich ließ mich in seiner Nähe auf
einer Kiste nieder und kam ohne Umschweife auf mein Anliegen.
»Kannst du mir sagen, wo sich Minnehaha befindet?
Neben dem Mittelpfosten brannte ein großes Feuer, dessen Rauch durch eine Öffnung im Dache Abzug fand.
Auf einer Seite des Feuers stand Schi-pi-ku-pi-neß, das Haupt mit der
Krone aus Adlerfedern geschmückt, das Gesicht auf beiden Seiten mit
drei nebeneinander laufenden gelben Streifen bemalt und in Galakleidung,
die durch die perlenbesetzten Mokassins und einen aus einer wollenen
Decke zurechtgeschnittenen Mantel noch eindrucksvoller wurde.
Ihm gegenüber auf der anderen Seite des Feuers saß auf einem
Baumblock Minnehaha, die Arme auf die Knie gestützt und das Gesicht in
den Händen verborgen.
Und sie kamen näher und näher. Wohl ein Dutzend waren um uns herum. Die Pferde zitterten, – bockten, – bäumten –...
Unter dem Lichtschacht hing an beiderseits aufgestellten starken
Stangen, über die eine Querstange gelegt war, ein großer Kessel, unter
dem eine Anzahl verkohlter Holzscheite lagen. Augenscheinlich diente der
hohle Baum auch für das zeitweise hier unterhaltene Feuer als
Schornstein. Und das erklärte das zweite, mir an jenem Abend so
unverständliche Phänomen der Lichterscheinung über dem Baume.
»Verdammte Rothaut,« sprach er halblaut, aber keineswegs in gereiztem
Tone vor sich hin, als ihm wahrscheinlich ein Rundblick und das
Ausbleiben einer Antwort aus seinen Ruf belehrt hatten, daß sein Genosse
sich nicht hier befinde. »Dachte, er wäre hier.«
Ich schlug die Augen auf.
Neben mir kniete Minnehaha, und ihre Hand lag auf meiner Stirn.
»Er lebt!« rief sie.
»Sure,« antwortete eine rauhe Männerstimme. »Ich sagte es dir ja, Mädchen, daß er in ein paar Minuten wieder
all right sein würde!«
In der nächsten Minute sprengte sie auch bereits über den Bahndamm und
lenkte das Pferd durch einen Schenkeldruck dem auf der andern Seite der
Geleise befindlichen Stationshause zu.
Um den Schlitten herum und aus dem geheimen Zugang zu dem Gewölbe
herauskommend oder auch in ihn hineingehend, sah ich eine Anzahl
bewaffneter Männer, unter denen ich die Uniformen von zwei Mounted
Policemen erkannte. Nicht weit davon standen der Indianer und der
Stelzfuß gefesselt. Der letztere mußte am Arme verwundet sein, denn auf
dem Ärmel seines dicken Mackinaw (Jacke
aus dickem Stoff) waren Blutflecke sichtbar, und eine Wulst darunter deutete auf einen Verband der Wunde.
Minnehaha reichte mir die Hand.
Sie war kalt und feucht, und durch ihren Körper lief ein Frösteln.
»Leb wohl und habe Dank!« sagte sie kaum hörbar.
Der »Totem«pfahl.
Wenn man an der pazifischen Küste – und bis zu tausend Meilen im
Inland – ein Indianerdorf betritt, so sieht man vor den Häusern der
Häuptlingsfamilien hohe, aus mächtigen Zederstämmen gehauene Säulen –
die »Totem«-pfähle. Sie tragen auf ihrer Spitze in voller Plastik das
Wappen (Totem) ihres Geschlechts – einen Bären, Adler, Raben,
Schildkröte, Stachelschwein usw. – und erzählen in geschnitzten Bildern
die Geschichte des betreffenden Geschlechtes. Jede Generation dieses hat
die ihrige – von oben angefangen – hinzugefügt, und nicht selten findet
man Totempfähle, auf welchen man die Ahnenreihe und hervorragende Taten
eines Geschlechts bis auf zweihundert Jahre zurückverfolgen kann.