.

Posts mit dem Label Frans Masereel werden angezeigt. Alle Posts anzeigen
Posts mit dem Label Frans Masereel werden angezeigt. Alle Posts anzeigen

Montag, 17. Februar 2020

Romain Rolland: PETER UND LUTZ mit Holzschnitten von FRANS MASEREEL

Frans Masereel (1889 -1972) war ein bedeutender belgischer Grafiker, Zeichner und Maler, der vor allem für seine beeindruckenden, von starken Emotionen geprägten Holzschnitte bekannt ist.

Die Erzählung umfasst den Zeitraum vom 30. Januar 1918 (Mittwochabend) bis zum Karfreitag desselben Jahres (29. März).

Der Name Lutz steht für den Namen Lucia.

 Bei der nächsten Station kam wilde Bewegung ins Gedränge. Schreiende Leute stürzten in den schon überfüllten Wagen. Peter verspürte den Anprall und tragenden Druck der Menschenwelle. Über dem Tunnel, oben über der grossen Stadt, ein dumpfes Krachen.

Peter Aubier wohnte bei seinen Eltern nächst dem Cluny-Platz.... Es war eine gute, echt französische Bürgerfamilie, warm fühlende, brave Leute von menschenfreundlicher Gesinnung, die aber nie gewagt hatte, einen selbständigen Gedanken zu fassen.

 Als er sich fragte, woher dies innere Lächeln kam, sah er die halb geöffneten Lippen vor sich, auf denen zu ruhen seine Lippen heiss begehrten.

 Gerade weil er liebte, war es so um ihn bestellt, deshalb sah er sie überall und in allen Gestalten. Denn jedes Lächeln, jedes Licht, jedes Leben - das war Sie!

Dort gehen gerade die Stufen zum Pont des Arts hinauf. Da hob er die Augen und sah die, auf  die er wartete. Mit einer Zeichenmappe unterm Arm bewegte sie sich die Treppe herunter wie ein zierliches Reh.

 Ein alter Herr spazierte langsam an ihnen vorbei. Sie fühlten, wie ihre Körper sich in Liebe zerlösten.

Das gewöhnliche Ziel ihrer Geschäftsgänge war der Laden des fragwürdigen "Kunst- und Antiquitätenhändlers", für den sie ihr "Grünzeug", wie sie sagte, herstellen musste.

Äusserste Vorstadt, hinter der Malakoffstrasse. Halbausgebaute Strassen stehen zahnlückig da und werden von wüsten, noch unverbauten Flächen unterbrochen...Dort arbeitet sie auch, ihre Staffelei steht beim Fenster...

 Seit vierzehn Tagen wussten sie nicht mehr, was in der Welt vorging. Mochte man doch in Paris duch dick und dünn Leute einkerkern und verurteilen... Die beiden lasen keine Zeitungen. Sie wussten wohl, irgendwo oder überall ringsumher gab es Krieg...

 Der grosse Bruder war wieder daheim. Er hatte paar Tage Urlaub. Gleich am ersten Abend merkte er, dass sich die Atmosphäre des Vaterhauses irgendwie verändert hatte....
.Rechte Bildseite: Als er eines Abends über den Boulevard Montparnasse heimging, begegnete er im Dämmerlicht Peter und Lutz. Er fürchtete, sie könnten ihn gesehn haben. Aber sie kümmerten sich gar nicht um die Aussenwelt. Sie waren eng aneinandergeschmiegt.....
Linke Bildseite:Sie gingen mitsammen in den Luxemburgpark. Der grosse Bruder liess seine Hand immer noch auf der Schulter des Jüngeren ruhen, und der war stolz darauf, dass es wieder gut stand zwischen ihnen.

Die Gasse machte dort eine scharfe Biegung; dahinter drückten sie sich eng umklammert, wie angeklebt in eine Mauernische. Beim Aufflammen dieses Blitzes hatte jeder in des andern Augen Liebe und Entsetzen gelesen.
Ein paar Schritte weiter waren Leute aus den umliegenden Häusern im Begriffe, den tödlich getroffenen Kutscher unter den Trümmern des Wagens hervorzuziehen....

Hand in Hand traten sie in den Wald.
Im Schweigen des Walde taumelten sie dahin.
Sie erkletterten die Böschung jenseits der Strasse, drangen ins Unterholz und streckten sich nebeneinander aufs dürre Laub, durch das die ersten Veilchen sprossten.

Es war eine Zusammenkunft von fünf gleichaltrigen Freunden und Studienkameraden bei einem aus ihrer Mitte;...Peter aber sass beim Fenster, sah zerstreut hinaus, träumte vor sich hin

In der Osterwoche waren sie wieder täglich beisammen....Manchmal sassen sie wie in seelischer Lähmung schweigend nebeneinamder und mochten sich nicht rühren. Ein absonderliches Gefühl hatte Macht über sie gewonnen. Sie hatten Angst.

Am Gründonnerstag wandelten sie wieder - Lutz war in Peter eingehängt und hielt seine Hand umfasst - auf regenweichen Wegen an der Stadtgrenze. Windstösse fuhren über die nasse Fläche.

Lutzens Herz schlug so laut, dass sie weder den Krach der Explosion, noch das Schreiem der Menge hörte;....Mit einem Schlag brach auf die beiden der massige Pfeiler nieder.



Freitag, 28. September 2018

Emile Zola: GERMINAL mit Illustrationen von FRANZ MASEREEL


Frans Masereel (1889 -1972) war ein bedeutender belgischer Grafiker, Zeichner und Maler, der vor allem für seine beeindruckenden, von starken Emotionen geprägten Holzschnitte bekannt ist.
Frans Masereel regte am 26. September 1953 gemeinsam mit den deutschen Künstlern HAP Grieshaber, Erich Heckel, Gerhard Marcks, Ewald Mataré, Otto Pankok, Max Pechstein, Karl Rössing und anderen in Zürich an, die „XYLON Societé Internationale des Graveurs sur Bois“ zu gründen. Diese Gründung der Internationalen Vereinigung der Holzschneider XYLON wurde beschlossen und Masereel war ihr erster Präsident. (aus Wikipedia)



Wir zeigen hier seine Holzschnittillustrationen zu Emil Zolas Germinal.
  


Er mochte ungefähr eine Stunde gegangen sein, als er zu seiner Linken, etwa zwei Kilometer vor Montsou, einen roten Feuerschein wahrnahm, der von drei, gleichsam in der luft schwebenden, brennenden kohlenbecken herzurühren schien.

Er machte grosse Schritte; in seiner zerschlissenene Baumwolljacke und den Manchesterhosen zitterte er vor Frost.

Inmitten der weiten Rübenfelder lag das Arbeiterdorf noch in tiefem Schlaf.

Nur das eine verstand er: die Grube verschlang mit einem gierigen Happen dreissig bis vierzig Arbeiter auf einmal -  mit Leichtigkeit verschwand eine solche Ladung in ihrem Schlund.

Kein Wort wurde gewechselt. Alle hämmerten.

Im nächsten Augenblick erschien der Ingenieur, der kleine Négrel, wie die Arbeiter ihn nannten, in Begleitung des Oberaufsehers Dansaert.

Das Wirtshaus lag zwischen dem Dorf und der Grube an der Kreuzung zweier Wege.

Und somit trat die Maheude mit ihren Kindern ein. Die drei waren durchfroren und ausgehungert...

Es war ein grosses, ohne irgendwelchen architektonischen Ehrgeiz errichtetes Gebäude aus dem Beginn des achtzehnten Jahrhunderts..

"Ach Gott, ach Gott!" stammelte die Mahheude verschlafen und rieb sich die Augen.

Es schlug elf hr von dem kleinen Turm der aus Ziegeln erbauten Kapelle des Arbeiterdorfes...

Und Maheubegann langsam die aus Brot, Kartoffeln, Lauch und Sauerampfer bereitete Suppe einzuschlürfen.

...zog seine Geliebte zärtlich in die Arme und hätte - in diesem, ihrer ehelichen  Wintermulde - die Dinge bis zu Ende getrieben, wenn sie nicht aufs bestimmteste erklärt hätte, sie wolle jetzt nicht, es mache ihr nicht das geringste Vergnügen.

Jeden Abend gegen neun Uhr, wenn die Gaststube sich geleert hatte, blieben Etienne und Suwarin diskutierend zusammen.

Nach Verlauf von drei Wochen zählte man ihn unter die guten Karrenschieber der Grube: kaum ein anderer schob seinen Wagen sp flink zum Rollweg...

Heute war Maheu in den Garten gegangen, um eine Pfeife zu rauchen, kam dann in die Wohnstube, und  verzehrte ganz allein ein Butterbrot und wartete, bis die andern kamen.

Dann berauschte ihn wieder der schimmernde Glanz ihrer Nacktheit, so dass er erzitterte und sich abwenden musste, um der Versuchung, die Hände nach ihr auszustrecken, nicht zu erliegen.

Das Bureau des Kassierers war eng, die Leute mussten lange draussen warten und standen gruppenweise auf dem Plaster umher. Allerlei fahrende Händler benutzten die Gelegenheit, um auf ihren Wagen die mannigfaltigsten Waren anzubieten, sogar Porzellan und Mettwürste.

Als die ersten die Unglücksstelle erreichten, fingen sie an, laute Schreie auszustossen, um die Kameraden herbeizurufen.

Dann brach man nach Montsou auf. Ein scharfer Nordwind fegte über die Landstrasse.

Aber hinter dieser erkünstelten Heiterkeit verbarg sich etwas wie eine dumpfe Furcht, die sich in unwillkürlichen Blicken nach der Strasse verriet, als lauere draussen eine feindliche Schar von Hungerleidern und spähe neidisch nach der reichbesetzten Tafel.

"Wir sind also gekommen, Herr Direktor", schloss Maheu, " um Ihnen zu sagen, dass, wenn wir nun einmal krepieren sollen, wir es vorziehen, zu krepieren, ohne dafür auch noch zu arbeiten !...

Auf dem Vorhof des Voreux herrschte ein drückendes Schweigen. Das Stampfen der Maschinen war verstummt, die Kessel erkaltet.

Rasseneur stand schon neben dem Vorstandstisch, seitlich von den Biergläsern....Er räusperte sich, um dann mit dröhnender Stimme zu beginnen: "Genossen!..."

Auf der Strasse  brachen die Frauen in Schmähungen aus, und die Maheude, in erbittertem Rachegefühl beide Händ gen Himmel erhebend, wünschte alle Strafen der Vorsehnung auf diesen fluchwürdigen Menschen herab.

Heute abend lag er mit seinen beiden unzertrennlichen Begleitern, Bébert und Lydia, in der Dämmerung auf dem Wege nach Réquillard auf der Lauer.

Einen Augenblick stand Etienne regungslos. Der noch tief  am Horizont stehende Mond erglänzte auf den Kronen der Buchen; aber die Menge, die sich allmählich beruhigte, war noch in Dunkel gehüllt.

Er hatte inzwischen schon verucht, die Kameraden aufzuwiegeln und ihnen begreiflich zu machen, dass man es denen von Monsou gleichtun und eine Lohnerhöhung von fünf Centimes für den Karren verlangen müsse.

Doch allmählich verstummte seine Beredsamkeit, denn seit einer Weile kreuzten, immer häufiger werdend, Truppen von Bergarbeitern den Weg der Kutsche. Stumm gingen sie vorüber und warfen dem Luxus, der sie auszuweichen zwang, feindselige Blicke zu.

 In wilder Hast stürzten alle durch die dunklen Gänge dahin.

"Nieder mit den Verrätern! Nieder mit den Streikbrechern!" Die ganze Menge der Demonstranten war herbeigestürmt.

Es waren etwa zweitausendfünfhundert rasende Menschen, die vor der Grube Gaston-Marie ankamen.

Ein ungeheurer Schrei überdröhnte jetzt den Gesang der Marseillaise: "Brot! Brot! Brot!"

Plötzlich liessen seine Hände los. Wie eine Kugel rollte er hinab, über die Dachrinne weg; er stürzte quer über die Grenzmauer, aber so unglücklich, dass er aufs Strassenpflaster aufprallte und sich an einem Prellstein den Schädel zerschlug.

...als die Gewehre von selbst losgingen. Zuerst waren esd drei Schüsse, dann fünf, dann eine ganze Salve....

Bewaffnete Posten schützten die Gruben, bei jeder Maschine standen Soldaten.

Zwei Tage lang hatte es geschneit.

...und Etiennes Faust traf ihn mitten ins Gesicht.

Und als nun von neuem eine Wolke den Mond verhüllte, sprang Jean, wie eine Wildkatze, mit gewaltigem Satz auf die Schultern des Soldaten, krallte sich dort fest und stiess ihm ein Messer tief in den Hals.

"Na, steh auf Alter! Es ist doch nichts,was?"

...und heute konnten sie zum erstenmal ein paar Schritte machen in der allmählich vom Wasser freiwerdenden Galerie.

Es war, als hätte das ganze Dorf schon auf ihn gelauert. Die Männer standen vor den Türen, die Weiber an den Fenster...

Langsam gingen sie zurück, dem Voreux zu...

Es erscholl ein Getöse, als würde der Abgrund von einer unterirdischen Artillerie beschossen. Auf der Oberfläche stürzten die letzten Baulichkeiten zusammen.

Die Maheude stand da und wartete. Endlich brachte man auch Zacharias aus dem Schachte hervor.

In der Tiefe der Grube heulten die Zurückgebliebenen vor Entsetzen. Das Wasser ging Ihnen schon bis an den Bauch.

Schon erstrahlte die Aprilsonne in vollem Glanz und wärmte die Erde, auf dass sie Frucht bringe.